Fremdgehen

Elektronische Musik und staatliche Überwachung: Bei Claptone und HVOB in Singapur

Mittlerweile sind Minderheiten elektronischer Musik in fast allen Ausgeh-Kulturen der Welt angekommen – auch da, wo Drogenverkehr unter Todesstrafe steht und der Staat das öffentliche Leben inklusive Feierei per Video Aufnahme verfolgt. Die Rede ist von Singapur, ein Stadtstaat in Südostasien, der vom Handelsblatt als „demokratische Autokraitie“ bezeichnet wird. Zension der Medien, lokale Unternehmen in staatlichem Besitz, in Relation zur Bevölkerungszahl die höchste Zahl verübter Todesstrafen,  „wenn mehr als drei Menschen öffentlich über Politik oder Religion reden wollen, brauchen sie dazu eine staatliche Lizenz“ (Handelsblatt). Politik hat einen starken Einfluss auf Kultur, ganz besonders auf individuelle Kulturgruppen. So erleben wir den Einfluss der Lokalpolitik auf die Subkultur in Stuttgart ja ständig. Dass elektronische Musik auf dem Partyprogramm in Singapur geschrieben steht, ist Fakt, doch was für eine Art von Clubkultur ist das, angesicht strengster Gesetzeslage? Als für drei Monate dort Gestrandete habe ich Claptone aus Berlin im Zouk Club Singapore gelauscht, mit HVOB aus Wien bei einem Straßen Event über ihre Asien Tour gesprochen und mich der Frage gewidmet: Wie fühlt sich das Feiern an einem Ort der Pseudo-Demokratie an?

Der Zouk Club Singapore, Nummer 7 der Top 100 Clubs im DJ Magazine 2014, bietet Platz für 3000 Personen. An dem Samstagabend an dem ich dort bin, sind es vermutlich 4000 Personen die eingelassen wurden. Sprich: Es ist voll, Bewegung unmöglich. Die Feiernden sind zum größten Teil sehr junge Asiaten und Asiateninnen, allesamt in bester Garderobe. Hier feiert die junge lokale Oberschicht deren Bestellungen über die 30 Singapur Dollar Eintritt (etwa 20 €) hinaus schnell mindestens eine Flasche Whiskey für 500 Singapur Dollar umfasst. Wer hier feiert, befindet sich dank asiatischem Gen verminderter Alkoholresistenz in hysterischer Ekstase: Die Selfies blitzen, die Beats werden verbal untermalt, feiern in grenzwertig emotionalem Zustand exklusiver Begeisterung. Bis vor die Waschbecken ist alles per Kamera überwacht. Ist das wirklich der Ort, an dem Claptone aus Berlin auflegen wird? Abseits des wilden Geschehens auf dem Main Floor, der EDM spielt, gibt es einen Hiphop Floor sowie das „Velvet Underground“. Dort ist das Ambiente schon etwas dunkler, das Publikum deutlich internationaler. Auch hier ist die Stimmung ausgelassen, Pre Act Zushan aus Singapur legt auf. Die Musik ist einspruchsfrei elektronisch, was angesichts der Umgebung und dem Rundherum des Zouks beinahe schon unglaubwürdig erscheint.

Gegen Ende seines Sets die absolute Überraschung: Ich höre ein wohlbekanntes Miauen, Zushan legt Dirty Doerings Abschied Set vom Katerholzig auf. Die Menschen feiern es, plötzlich ist ein bisschen Berlin in Singapur… Ob außer mir hier sonst jemand weiß, was das Kater Holzig ist? Bald nach diesem Track legt Claptone auf. Wie man ihn kennt, so ist er maskiert, sein Publikum ist ganz bei ihm, Platz zum Bewegen dabei nach wie vor Mangelware. Am Ende seines Auftritts wirft er seine Handschuhe ins Publikum, unter den vielen Menschen die sehnlichst nach diesen greifen, fange ich den linken… In Deutschland tritt Claptone in Undergrund Clubs wie das Übel & Gefährlich auf, in Singapur kommt er im populärsten Club überhaupt. Hier wird deutscher Elektro scheinbar massentauglich. Oder liegt das doch am asiatischen Gen? Länger als ein paar Stunden halten es die Menschen nicht aus, der Club schließt zu einer Zeit, zu der man in Stuttgart noch locker aufbrechen könnte. Das liegt sicher an der Mangelware.

Der nächste Schritt im Zuge meiner Exploration führt zu „Sunshine Nation“, einer weniger bekannten Veranstaltungsreihe „to offer events & getaways beyond the ordinary“. Es handelt sich um eine Street Party mit Innenraum zweier Bars, das DJ Pult befindet sich wie im Boiler Room mitten zwischen innen und außen. „We are from Vienna and we are so happy to be here.” So begrüßt das mir bekannte Duo Her Voice Over Boys ihr Publikum. Dieses besteht aus schätzungsweise hundert bis hunderfünfzig Menschen völlig internationaler Heimat. Sie kennen HVOBs Musik nicht, doch sie lieben sie und hätten gerne mehr von ihr in Singapur. Ich erlebe sehr viel wahren und vorallem klaren Enthusiasmus von allen Seiten. Über Kamera in der Ecke beim DJ Pult schaut der Staat fröhlich mit… HVOB selbst, die ich zuletzt bei Heute schon getanzt? im Lehmann weit entfernt hinter den Gittern des DJ Pults gesehen habe, huschen hier durchs Publikum ganz wie jeder andere. Infolge ihrer Asientour kommen sie gerade aus Bangalore in Indien, wo sie ausverkauft waren, als nächstes geht es nach Kuala Lumpur und zuletzt nach Hong Kong.

Die Menschen auf der Party scheinen eher durch Zufall bei HVOB gelandet zu sein, doch sind begeistert. So stellt sich die Frage: Gibt es in Singapur eine Subkultur, die sich bewusst im Kreis elektronischer Musik bewegt? Auch die gibt es, ein Freund und Label Gründer aus Malaysia nimmt uns mit ins „Jaz Blu Cafe“. Der Club befindet sich auf dem ersten Stock (2nd Floor) über einem Restaurant, die Größe etwa die eines Wohnzimmers. Dort steht kostenloses Wasser auf der Theke, der Eintritt kostet nichts, der Nebenraum ist Raucherbereich. Es ist der erste und einzige Raucherraum, den ich seitdem in Singapur entdeckt habe. Die Musik reicht von Hiphop über Trap und DNB zu Deephouse. Es ist eine private Atmosphäre elektronischer Authentizität, deren Beats mir das Gefühl akuter Heimat vermitteln. Die Veranstaltungsreihe „Good Times“ findet einmal monatlich statt, ihre Anhänger umfasst nicht viele Leute in Zahl, doch diese scheinen genaue Vorstellungen zu haben: Sie möchten Techno und Deephouse in Südostasien und Singapur manifestieren, viele gehören einem Label an oder sind mit solchen befreundet.

Was möchte ich mit diesen Erfahrungen zum Stand Subkultur und elektronische Musikszene in Singapur sagen? Was trägt die Theorie zur Situation in Stuttgart bei? Um Singapurs Stand nach meinen Analysen zusammen zu fassen: Elektronische Musik gibt es, doch zumeist mit anderer Stellung: Die DJs bedienen das Nachtleben der Massen, was nicht wirklich heißt, dass die Kultur elektronischer Musik ein Teil des allgemeinen Nachtlebens ist. So scheint eher der Fokus der Nachtlebens ein anderer zu sein, die elektronische Musikszene hat sich (noch?) nicht wirklich positioniert. Dabei scheint Nachfrage in jedem Fall vorhanden zu sein, trotzdem umfasst die Zahl der Anhänger einer Subkultur nach deutscher Vorstellung die Größe einer Kleinraum Wohnung. Ob alles andere mit dem politischen Zustand von Singapur überhaupt zu vereinbaren wäre? Eine Szene elektronischer Musik lebt hier gefährlich, sie ist definitiv nicht erwünscht. So auch der Verdacht, dass das Zouk dem Staat gehört: Die Einnahmen durch Eintritt und staatlich sowieso schon hoch besteuerter Drinks sind eine Goldgrube, das Nachtleben gehört und lebt von der Oberschicht, die ihr Vermögen in Alkohol investiert. Das Herausbilden individueller Clubströmungen wird staatlich eingeschränkt durch Überwachung, Kontrolle und gezielter harter Bestrafung. Was ich nicht vergessen darf: Dies ist sicherlich ein westliches Urteil analog westlicher Maßstäbe, die Locals in Singapur möchten sich nicht über die politische Lage in Singapur beschweren, die Allgemeinheit ist eher unpolitisch und weiß die Vorzüge von Sicherheit und Schutz vor Korruption zu schätzen. Ob ich nach diesem Artikel noch unversehrt nach Stuttgart zurück kommen werde? Mal ehrlich: Wir klagen in Stuttgart schon auf hohem Niveau.

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Melaila Hanke

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