Fremdgehen

Feuer, Laser, Sensationen – Wie das Sonne, Mond und Sterne Festival 2014 mich zu einem besseren Menschen gemacht hat

Irgendwo in der weiten thüringischen Einöde, auf einer Deutschlandkarte genau in der Mitte einer Linie zwischen Dresden und Nürnberg, fanden sich am vergangenen Wochenende rund 40 000 Freundinnen und Freunde elektronischer Tanzmusik ein um Headlinern, wie Deadmau5, Steve Aoki, Fatboy Slim oder KÖLSCH beim Sonne, Mond und Sterne Festival 2014 abzufeiern und sich mallorcareif  zu besaufen – ich war irgendwie auch da.

Seit 1997 findet das Festival im thüringischen Saalburg-Ebbersdorf statt. Von einst 1500 Besuchern vergrößerte sich das Event über die Jahre stetig. Mit knapp 40 000 Besuchern ist das Festival heute eines der größten elektronischen Festivals Europas und schon seit Monaten ausverkauft.  Auf dem Gelände befand sich zu DDR-Zeiten eine Sternwarte, von der heute nicht mehr viel übrig ist. Soviel zu den Fakten, jetzt der Wahnsinn.

area_sms_by_christian_hueller

©SonneMondSterne 2014, Christian Hüller Fotografie

Vornweg diese drei Tage Party-Palmen-und-Bier-Stimmung hatten etwas Reinigendes. Es ist ein leichtes die betrunkenen Horden des Campingplatzkarnevals kulturkritisch abzuwatschen und sich in schönster Popschnösel-Distinktion auf den Thron reinsten Ästhetikertums zu erheben, nach dem Motto: „Ich bin ja nur wegen den Konzerten hier, das ganze Pack hier auf dem Campinplatz – hat mit mir eigentlich nichts zu tun“. Das wäre viel zu einfach. Denn neben all den Konzerten und wunderbaren DJ-Sets (die ebenfalls in dieser Kolumne später ihren Platz finden werden) ist die Festivalwelt, eine herrliche, gesellschaftliche Utopie. Viele Menschen, die auf engstem Raum, frei von Religion, Nationalität, Geschlecht und sexueller Orientierung um einen Gaskocher sitzend Ravioli essen und Wein aus Tetra-Packs vernichten als gebe es kein Morgen – das ist ein Blick auf die Freiheit und Grenzenlosigkeit, die im realen Leben dieser 40 000 Besucher nur in den seltensten Momenten diese Intensität und Geltung erreicht.

firework_by_christian_Hueller

©SonneMondSterne 2014, Christian Hüller Fotografie

Viele der Besucher begnügen sich hier nicht mit der Rolle des stillhaltenden Zuschauers. Auf dem Campingplatz haben einige Camper ihre eigenen Anlagen, DJ-Pulte und Licht-Installationen mitgebracht. Auf vielen Off-Stages auf den Hängen rund um das Festivalgelände wird rund um die Uhr selbst aufgelegt und Musik gespielt. Die Rollenverteilung von Künstler und Zuschauer, Sender und Empfänger ist zumindest in den Mittags-Sessions auf dem Campinggelände aufgelöst. Das Publikum hat tagsüber eigene Stages und Floors geschaffen, um sich als DJ einer rießigen Menschenmasse zu präsentieren. Viele der Campingplatz-Acts haben in mühsamer und kreativer Arbeit Strebergarten-Zäune und Oma-Sofas arrangiert und sich einmalige, skurille Bühnen gebaut. Das SMS 2014 schafft so eine Atmosphäre, die dem Alltag auf wunderschönste Weise entfremdet ist. Vielleicht ein Technoland hinter dem Rabbit hole.

extase_hase_by_Tony_Guenther

©SonneMondSterne 2014, Tony Günther

Zu einem überbordend-schönen Festivalgefühl gehören neben dieser besonderen Atmosphäre, einem Alles-ist-möglich-hier-Gefühl, aber natürlich auch ein tolles Line-Up und großartige Konzerte. Mit den Headlinern Fatboy Slim, Deadmau5, Steve Aoki und Marteria hatten sich die Veranstalter dieses Jahr einige großen Namen auf die Main Stage gebucht. Aber auch an den kleineren Bühnen und Zelten, wie der von Stil vor Talent kuratierten Second Stage oder der Katemukke-Stage, die als absolutes Highlight am Seestrand lag, waren für die meisten elektronischen Genres mit spektakulären und interessanten Acts vertreten. Die Auftritte von Sascha Braemer, Niconé und Andhim auf der Second Stage müssen hier gesondert erwähnt werden, da ihre Sets schlicht unwerfend waren. Präzise, spannend und unter der Kuppel der sixtinischen Techno Kappelle der Second Stage ein wirklich besonderes Ereignis.

bubbles_by_tony_guenther

©SonneMondSterne 2014, Tony Günther

Die Sets der Stil vor Talent- Bande führten das Publikum  in vollkommene Extasezustände – ein bemerkenswertes Spiel mit Sounds und Samples, dazu Überhits wie Niconé’s „Wish you“ oder Sascha Bramers neue Single „Stay“ brachten die Menge zum toben.

Pures Vergnügen!  Die Visuals und Installationen, die Bühnentechnik und Pyro-Effekte waren hier sehr zurückgenommen und geschickt eingebunden – was uns wiederum zu den Headlinern und EDM-Königen wie Steve Aoki, Deadmau5, Calvin Harris und Co. führt.

loud_by_tony_guenther

©SonneMondSterne 2014, Tony Günther

Die langweilisten Momente dieser drei Tage waren eindeutig, die Slots auf der Mainstage. Sowohl der tortenschmeißende Steve Aoki, wie der großspurige Glitzermauskopf-Träger Deadmau5 (Ob das Ed Hardy für ihn angefertig hat?)  lieferten glatte, kantenlose, langweilige Supersets – die in jedem Club in Las Vegas oder eben  Kastrop-Brauxel ein Millionen-Publikum mit Radio-Instant-Hits versorgen könnten – Musik, die in den Trailern von RTL II- Sendungen ihren Platz finden könnte. Viel Feuer, viel Laser, viel Rauch und Nebel – alles groß, alles laut und schnell, alles „work hard, party harder“-mäßig, albern. Einzige Ausnahme der Main-Stage Ausfälle war Marteria – ein großartiges, sympathisches Rap-Electro-Gewurstel, das wirklich einfach nur Spaß machen kann. Ob als Marsimoto, oder Marteria, der Mann überzeugt als Rapper mit dunklem, überwätigendem Timbre und Flow, sowie einer bestechend dringlichen und klugen Textarbeit.

materia_by_christian_hueller

©SonneMondSterne 2014, Christian Hüller Fotografie

Einer soll dabei nicht unerwähnt bleiben: Kölsch. In einer furiosen Orgie aus Hits und Re-remixen der eigenen Tracks manövrierte sich der gebürtige Däne Freitag Nacht im Clubtent 3 durch ein Set voller Brillianz und unwiderstehlicher Jubelmomente. Mit einer technischen Souveränität und stilistischen Klasse, die in diesen Tagen des SMS so kein zweites Mal zu sehen war, spielte der „Loreley“-Schöpfer 90 Minuten seines Oeuvres. Ein Highlight!

sms_summer_by_tony_guenther

©SonneMondSterne 2014, Tony Günther

FAZIT:

Viel tolle und aufregende Musik! Trotz einiger Ballermann-Deja-Vue-Momente ein krasses Erlebnis! Ein Disneyland der Technorfreunde! Die radikalen Ideale der „Love Parade“ und die Ideen einer Rave-Generation, die von Pop-Theoretikern wie Rainald Goetz mit Westbam schon in den 90ern gedacht wurden, sind in den Zeltburgen und Love-Camps des Sonne, Mond und Sterne Festivals 2014 deutlich zu spüren. Die libertäre Campingplatz-Politik der Veranstalter 2014  macht die weiten Felder und Hügel um den Stausee und das Konzertgelände fast zu einer autonomen, staatsfreien Zone – einem Ort, an dem im Brennglas verdichtet und vom Rausch gezerrt, Lebensmodelle und Visionen möglich sind – die in realen Städten und Dörfern so nicht existieren. Das Festivalcamp als Versuchslabor eines kleines bunten, tanzenden Staates im Staat.

Titelbild: ©SonneMondSterne 2014, Tony Günther
www.sonnemondsterne.de

Previous post

Aye, Aye Captain - Wir Rudern Zurück Open Air

Next post

Heute schon mit HVOB, Chopstick & Johnjon im Lehmann getanzt?

Stefan Sommer

Stefan Sommer

Mein Name ist Stefan Sommer und ich bin seit etwas mehr als einem Jahr Redakteur für diesen wunderbaren Blog.
Meine Hobbys: Lange Spaziergänge am Strand und Minigolf.

1 Comment

  1. Flo
    27. August 2014 at 13:33 — Antworten

    Schöner Artikel, der genau das wiederspiegelt, was mir an diesem Festival seit Jahren so gut gefällt. Super Publikum, Fette Stimmung und die wahrscheinlich beste Festival Location überhaupt. Einfach genial.

    Bei der Aussage, dass das Deadmau5 Set ein Reinfall war, muss ich dir aber leider widersprechen. Das war mMn. eines der besten Sets dieses Jahr und musikalisch wahrscheinlich kaum zu übertreffen. Eigentlich nicht wirklich meine Musikrichtung, aber hat mich wirklich überzeugt.

    Ansonsten: Schöner Schreibstil, sehr angenehm 😉

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *